Turnover – 12 Stunden, 12 Künstler, 12 Ausstellungen

Performance von „Welt ohne Zeit“ mit Antoine Desvigne, Franz von Reden, Markus Zimmermann und Dr. Anna Ballestrem zusammen mit den ausstellenden Künstlern: Anton Burdakov, Marzena Nowak, Sebastian Hammwöhner, Nikolai von Rosen, Alexandra Leykauf, Kathrin Sonntag, Flavio de Marco, Britta Thie, Via Lewandowski, Gerd Rohling, Sonja Gerdes.

Ermöglicht durch die Unterstützung der Stiftung Kunstfonds.

 

Zu den Zeiten, als die Spanier begannen Südamerika zu kolonialisieren, stand am Anfang jeder neuen Siedlung die Konstruktion eines zentralen Prachtbaus, der bis zu seiner Vollendung durch einen hohen Zaun den Blicken der Ureinwohner entzogen wurde.

Die Behauptungen, die der Kolonialisierung der Welt vorangestellt sind, wie auch die Behauptungen in der Kunst, so allgemeingültig und selbstbewusst sie auch daher kommen, stehen auf wackeligen Beinen. Uns interessiert die Bewegung, denn die Welt steht nie still. In jeder Bewegung liegt schon die nächste, um den Ausgleich herzustellen.

Für unsere Performance Turnover werden in 12 aufeinanderfolgenden Stunden 12 Ausstellungen nacheinander stattfinden. Jede Ausstellung wird in Anwesenheit des Publikums installiert, eröffnet und wieder abgebaut. Jede Eröffnung ist wie die Spitze einer Welle. Das Kunstwerk erhebt sich für Sekunden aus den Fluten und bricht dann zusammen.

Wir bitten die Kuratorin Dr. Anna Ballestrem, um ihre Mitarbeit bei der Auswahl der Künstler. Die eingeladenen Künstler reagieren mit ihrer Arbeit auf den speziellen Ausstellungsrahmen und sind selbst Teil der Performance.

In unserem Aktionsraum vereinen wir Handlungsräume, die sonst getrennt liegen. Trotz der präzisen Formulierung der Partitur sind Fehler zu erwarten. Durch die zeitliche Kompression entstehen neue Bedingungen. Der Zuschauer ist immer im Raum anwesend. Die Kapelle spielt. Wie bei einer Orgie vermischen sich die Bewegungen der Körper. Die Formen und Inhalte künstlerischer Arbeiten beginnen sich zu überlagern. Das Unberechenbare gewinnt an Bedeutung.

Ort der Performance ist das ehemaliges Tschechisches Kulturinstitut, Leipziger Straße, Berlin.

Welt ohne Zeit ist eine Gruppe von Künstlern und Kuratoren. Die Performance “Turnover” wird organisiert und durchgeführt von Antoine Desvigne, Franz von Reden und Markus Zimmermann, kuratiert von Anna Ballestrem und findet mit der freundlichen Unterstützung der Stiftung Kunstfonds statt.

Stundenplan:

12-13h ANTON BURDAKOV *BUSINESS LUNCH*

In Anton Burdakov’s performance 4 people -artists- will have their first meeting for a bigger project in the Neue Nationalgalerie starting with a brainstorming while sitting around the marble table on the first floor. The marble of the table may be a fake, but the situation is real.

13-14h MARZENA NOWAK *SPEICHERZWANG*

You close your eyes. Once away from the outside world, your eyes slowly get accustomed to the semidarkness in your head. You begin the journey. Slowly the blury contours appear. You look down and you see that the pavement on which you carefully step your feet, is composed of the moments you have experienced. You try to find a way, you start to see shapes, you know what you are looking for.

14-15h SEBASTIAN HAMMWÖHNER *ME AS A DECORATOR? I`D LOVE IT!*

Sebastian Hammwöhners work „Me a decorater? I´d love it“ is a „Reminder that all great works of art do not hang on the wall.“ Digitally reworked advertisements found in decoration and interior magazines of past days are printed on canvases. The same ones that you find in your favourite coiffeur salon next door.

15-16h NIKOLAI VON ROSEN *SCHWEISSARBEIT*

For Turnover Nikolai von Rosen created a real action-performance. In the given 60 minutes he will work on a big styrofoam block. Either it will lead to an abstract sculpture or a three dimensional portrait. Nikolai in a bod suit will sweat a lot and that gives the title: sweat-work.

16-17h ALEXANDRA LEYKAUF *LICHTKEGEL*

Alexandra Leykauf’s work focuses on the search of one’s own point of view while facing a pictures inconsistent truths. For Turnover Alexandra will install a poster collage titled Lichtkegel in the cinema of the location. The collage is based on Diane Arbus‘ Forty-Second Street Movie Theater Audience, N.Y.C., 1958. Her search finds a direction in the signification of that which is excluded.

17-18h KATHRIN SONNTAG *ABWESEN*

The digital projection shows views of packaged objects that have been stored in the exhibition spaces, warehouses and archives of the four collections of the “Pinakothek der Moderne” during the renovation of the museum in the summer of 2013. The sound of a read aloud description is assigned to each picture. The similarities and differences between picture and sound create a space in which the read texts simultaneously describe the absent objects and the situation during the renovation of the museum, which is documented in the photographs.

18-19h FLAVIO DE MARCO *MANY LIVES OF A PAINTING*

With „Many lives of a painting“ Flavio de Marco wants to explore the perception of a painting threw the transformation of the space surrounding it.

19-20h BRITTA THIE *LAMENTO*

In „Lamento“ Britta will be moving from here to there and back again while on the phone with the booker, O2 and her best friend. Her friend is prepping her for a skype date and her booker had scheduled a last minute e-casting for her. All spotlights are on.

20-21h VIA LEWANDOWSKI *OB UND WENN JA / WHETHER AND IF SO*

Via Lewandowsky will surprise us with a new performance „ob und wenn/ja whether and if so „.

21-22h GERD ROHLING *COOL*

Gerd Rohling’s work is titled „cool“. In the video he is carrying a hot egg on a spoon -carefully, so that the egg doesn`t fall off- through a snowy town. While the visitors are watching this film Gerd runs around the block, with a hot egg on a spoon. 5 to 10 minutes later he arrives with spoon and egg, puts the egg in an egg cup and gets the winner’s cup…

22-23h SONJA GERDES *SKYLIGHT INSURANCE*

The row of solo-shows will end with the „Skylight Insurance“ performed by Sonja Gerdes and Anna Harlin. In Sonja Gerdes world science fiction plays a main role. There is also this tiny metal thing called :oxygenenegizer, which gives oxygen back to the air… Anyway it will be a baroque show

Besucherbericht:

TURNOVER 25. Oktober 2014 12am- 1pm

Am Freitagabend zuvor nach der Arbeit, erster Winterabend, weil echt kalt geworden, habe ich ferngesehen, einmal kurz rumgezappt, dann 19.00h heute, 19.30h Kulturzeit, um acht die Tagesschau, Schönheits- OP- Doku, dann Film, Polizisten in LA. Früher taktete Fernsehen, hatte ich jemanden mal in einer Talkshow sagen hören, taktete die Gesellschaft, synchronisierte den Feierabend, alle haben um acht die Tageschau gesehen, am Sonntag Tatort. Sind gleichzeitig dabei, wenn nicht, dann hat man es eben verpasst…das war vor 30 Jahren vielleicht so. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sich Leute verabreden, jeder zu Hause an seinem Rechner, um etwas ganz exakt gleichzeitig auf Youtube zu sehen.

Um 22.30h dann plötzlich: mein Röhrenfernseher fällt nach vorne herunter, direkt auf seine Vorderseite. Aufprall, schwarzer Bildschirm, weisser flirrender Strich vor schwarzem Hintergrund, die Hörspur ungestört.

14 Stunden später, Samstag mittag: Welt ohne Zeit, 12 Stunden, 11 Ausstellungen, die auf- und abgebaut werden, für jede eine Stunde Zeit.

Vier Leute sitzen um einen Tisch: „Transport, Arrival, furniture Space“, „different idea of the floor…simple there, but not simple enough…What do you think if we turn the box.. if you get a small window with wide view, slightly, mix of the halls, wall, see a lot of outside… transport seating….the construction for our models if the trees are in a difference of 4 or 5 meters…. that´s the dimension. The composition off the festival time and the work time….“ Sie scheinen eine Ausstellung, die noch nicht „Jetzt“ ist, also später, vorzubereiten, verweisen quasi auf eine Ereignis in der Zukunft, um den Tisch sitzend. Andere sassen wahrscheinlich an einem anderen Tisch zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort und haben diese jetzige Ausstellung vorbereitet- wie neulich im Hackbarths, als ich die Organisatoren zufällig traf.

Gong, Klavier, Klavierspieler. Zapping, hängen bleiben. Aufmerksamkeit, die da plötzlich stehen bleibt. Gleichzeitigkeit, grad jetzt eben, gleich oder grad eben ist es nicht. Weiter: Im Blaumann aus weisser Gaze wird der Sockel gestrichen. Als ob man Backstage ist, wenn vorne die nächste Talkshow aufgebaut wird. Klavier, Klavierspieler, viel zu viele Höhen, ganz schön in die Tasten gehauen. Draussen wird etwas aus dem Transporter geholt, im Fenster spiegelt sich die Ladeklappe, dahinter sieht man drinnen den Klavierspieler am Flügel. Die Ladeklappe dreht sich zu, für einen kurzen Moment treffen sich der Winkel der Transporterklappe und die Decke des aufgeklappten Flügels im Spiegelbild des Schaufensters; kurze Synchronizität, schon schliesst sich die Klappe, der Pianoplayer plänkelt weiter…

Die nächste Ausstellung wird aufgebaut, die Wand gestrichen, dann der Beamer aufgebaut, der was auf die Wand wirft. Ah, das Bild einer Galaxie taucht auf. Ach, es ist der Windowsbildschirmschoner, ein Zwischenbild zwischen Ereignissen auf dem Rechner, ein Zwischenzeitbild. Dann kommt das „richtige“: Schlafendes, träumendes, geschlossenes Augenpaar und ein paar Steine auf dem Boden davor. Die Augen scheinen sich hinter den geschlossenen Lidern zu bewegen. Nächstes Weinglastablett wird rumgereicht. Ruhe, anschauen, Gong, Abbau. Weinglas wird halbvoll wieder auf dem Tablett weggeräumt.

Nächster Programmpunkt: verpasst, weil im Chinarestaurant gegenüber gewesen, sms bekommen: „du verpasst was“- zurückgekommen, alles erzählt bekommen. Sei Schweissarbeit gewesen, Dämmplatten, draufgehämmert, wurden nach unten versteigert, sei sehr lustig gewesen. Das müsste dann ja eigentlich anders heissen, was ist eigentlich das Gegenteil von „steigern“, denke ich. Während wir beim Chinesen waren habe er, der Künstler, Dämmplatten verhämmert und wär gern beim Chinarestaurant gegenüber gewesen, sagt er. Lachen. Im Hintergrund das Apfelregal.

Bild von den Zuschauerreihen eines Kino, Kino in New York aus den 50gern, Diane Arbus, wird im Zuschauerraum des früheren Kinos an die Wand gepinnt, Form des Auschnitts wegen dem Riesenlichtstrahl, der da drauf ist. Gang, Klavierspieler mit dem harten Anschlag.

Auf einmal Alterssprung im Publikum, wo kommen die alle her? Warten, sprechen, Stimme, Büroangestellte, Mädchenstimme, jmd sagt: ich stelle die mir wir eine Büroangestellte vor, graue Maus, „superfreundlich, und dann auf einmal, in einem Augenblick, lässt sie dich voll kalt auflaufen, eiskalt, empathielos, so stell ich mir die vor.“ Stimme berichtet über Meer, Küstenstreifen, Kunst- LK Bildanalysenjargon. Man sieht mit plastikfolie überzogenes Mobiliar. Ich amüsiere mich. Will zurück aufs Sofa, da sitz schon jemand auf einmal, steht auf, ich sage, bleib ruhig sitzen, nein nein, doch, ist doch der Lauf der Zeit sage ich.

Wieder wie im Tatifilm. Dann Blick auf Schulheftklassenlinien, rechts abgesetzt Wolken mit angrenzendem Meer. Das ist nicht alles. Weiter hinten wird das Wohnzimmer aufgebaut, Goldornamentapete, le Corbusier Liege. Neben mir höre ich, in dem Text habe gestanden, dass es darum gehe, wie der Umraum in dem das Bild präsentiert wird, das Bild selbst verändere; und dass der Gong jetzt aber längst hätte schlagen müssen. Der Klavierspieler kommt hoch und läuft durch die Räume, hat inzwischen einen Fellmantel über seinem Satinanzug an. Ist bestimmt kalt im Foyerbereich.

Die danach hätte abgesagt, hat sie aber nicht. Musik im Apfelbüffetraum. Und irgendwelches Gequatsche, versteht niemand mehr….das Türkisene des Raumes, die langsam müde aussehenden Helfer, die die ganzen Sachen hin- und hertragen. Koffer. Ich käme mir vor wie ein Film im Film, wie in La nuit americaine, in dem die Dreharbeiten gezeigt werden, wie in … Fassbinder … „Warnung vor einer heiligen Nutte“ in dem alle in diesem Hotel rumhängen und warten bis der Schauspieler kommt, das dazwischen davor. Der Set wird aufgebaut. Manche gehen jetzt was essen, andere kommen. Die Eltern der einen sind weg. M. würde ja die ganze Zeit nur noch Gläser spülen. Stelle mir mit jemandem vor, wie der Apfelraum ein einziger langgezogener Pool ist.

Ein Mann vor einer Transportkiste, „sososo“, wie eben so Handwerker so „so“ sagen, etws gedankenverloren, etwas gelangweilt, wenn sie eine Routinearbeit machen. Packt die Kiste aus, Verpackungstralala wird aus der Holzkiste gepackt und auf den Boden geworfen, eins nach dem anderen, nimmt gar kein Ende…und dann taucht aus dem Verpackungsmeer auf einmal sie auf: die Vase, knallblau, glitzern, hässlich. Das „Sososo“ wird schneller und lauter, aus der Kiste wird improvisiert ein Schrein gebastelt, die Vase nachlässig irgendwie mit dem Verpackungszeugs drangebohrt, das ganz hochkant aufgestellt. Der Typ kniet sich davor und summt und summt lauter, schneller „sososososososo“, jetzt kommt es aus der Buchse, man denkt, das wird immer lauter und die Frequenzen werden so hoch und intensiv, dass die Vase zerspringen wird. Ganz so kommt es nicht; er verbeugt sich, und langsam geht das ganz wieder rückwärts und alles wird wieder in die Kiste gepackt, die Hälfte bleibt auf dem Boden in dem Chaos. Aufbau. Abbau. Halbfertig. Es war ziemlich lustig. Dann wieder Pause. Ich komme ins Gespräch übers Tauschen- M. tauscht zwei Kaugummi gegen ein Bier- wir malen uns aus, wie am Ende das ganze Publikum untereinander Sachen tauscht, die Rollen getauscht werden, die Künstler dem Publikum zuschauen.

Dann die Eierperformance, ein Eierlauf von Gert Rohling, ich frage mich, ob das ein Künstlername ist, wegen dem rohen Ei ist, was auf dem Löffel durch die Stadt gehetzt wird. Einmal im Videoscreen, parallel in Echtzeit. Zwei Zeitlinien quasi, die Aufzeichnung, im Winter, Schnee liegt an Neuköllner Strassenecken; zeitgleich dann das Ende des Laufes in Echtzeit und in der aufgezeichneten Zeit, das echte und das Video- Ei landen jeweils in einem Pokal.

Als letzte Ausstellung eine Performance unten im Foyer, da wo der Klavierspieler die letzten 10 Stunden vorm Flügel sass. F. zieht an einem pinkfarbenen Seil ein Etwas, das aussieht wie ein alter Kaugummi aus Bronze, die Wand hoch, eine Stimme erzählt aus dem Off etwas, rituelle Ruhe, dann kommen nacheinander zwei Gestalten mit tollen Strickkostümen rein, irgendetwas zwischen Monster, Hexe und Raumschiff. Das ist irgendwie wie eine Ankunft, sagt mein Nebensteher. Eine Ankunft von einem anderen Stern, Science fiction, nichtkapierte Erzählung, Ritus, etwas unheimlich.

Die Treppen sind voll mit Publikum, dann gehen alle hoch; inzwischen steht am einen Ende des Raumes eine zweite Bar, die aufgebaut wurde. Im alten Kino ist jetzt Disko, es ist voll, die 11 Ausstellungen sind vorbei. Am Ende der Nacht bekommen dann alle eine Stunde Zeit geschenkt, die Uhren wurden umgestellt; Winterzeit.

(Alexandra Correll)